Provinz Antsiranana

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FARITANY ANTSIRANANA: Zuckerrohr und Vanille

Die nördlichste Provinz Madagaskars, Antsiranana, gilt als 'ökologisches Resümee' Madagaskars: man findet alle klimatischen und geographischen Besonderheiten der Insel - ausser der dornigen Trockensavanne des Südens.

Der Südost-Ostwind (varatraza) bringt eine hohe Feuchtigkeit mit fast täglichem Regen, die hohen Durchschnittstemperaturen (um 25°) variieren das Jahr über mit 5° Celsius nur gering. Die Durchschnittstemperatur der Stadt Diégo-Suarez liegt bei 27° C. Die Stadt liegt, wie die Ostküste, im Einflussbereich des varatraza der zwischen April und November weht. Der Westen hingegen liegt durch das Tsaratanana-Gebirge im Windschatten.

Diégo-Suarez, wie die Provinz Antsiranana früher hiess, macht mit 43’000 km2 rund 7,5% der Oberfläche Madagaskars aus und beherbergt mit 1,1 Mio. Leuten knapp 10% der Gesamtbevölkerung Madagaskars. Allerdings erwirtschaftet diese kleinste Provinz des Landes 31% der nationalen Exporterlöse.

Wie alle Provinzen Madagaskars leidet auch Antsiranana unter Unterbeschäftigung und geringen landwirtschaftlichen Reiserträgen, ebenso wie unter gravierenden Kommunikations- und Infrastrukturproblemen.

80% der Bevölkerung lebt in ruralen Zonen. Diesen 150’000 Haushalten (900’000 Personen) stehen jedoch nur 300’000 ha Ackerland zur Verfügung. Die im Durchschnitt 2 Hektaren pro Familie reichen mit nur 1,4 t Reisernte pro ha allerdings nicht für eine ausreichende Ernährung. Ein Viertel des jährlichen Bedarfs an Reis von 250’000 Tonnen muss aus anderen Regionen eingeführt werden.

So herrscht ein starker Druck auf Landwirtschaftsland. Landreserven sind zwar vorhanden, doch sie müssten erst für die Bedürfnisse des Ackerbaus bereitgestellt werden. Zudem ergibt sich auch für diese Flächen die Frage des Grundbesitzes.

Die Landschaft ist variationsreich. Während das Dreieck Nosy Be - Sambirano - Ambilobe über ausgezeichnete, fruchtbare Böden (Schwemmland in Deltabereichen und Böden vulkanischen Ursprungs) verfügt, bilden die Gebirge (Tsaratanana, Ankarana, Montagne d'Ambre) kaum besiedelte Heidelandschaften. Die Temperaturen nehmen mit zunehmender Höhe ab, während die Niederschläge zunehmen.

Reis dominiert die Landwirtschaftsflächen. Die 300’000 ha Produktivland werden auf 120’000 ha mit Reis bepflanzt, auf weiteren 24’000 ha stehen Mais, dann auch Maniok, Süsskartoffeln, Taro, Bohnen. Der Rest dient dem Anbau von Kaffee und Vanille, Zuckerrohr und Kokospalmen.

Auch entlang der stark exportorientierten Ostküste nimmt der Reis die grösste Fläche, und diese Subregion vermag sich selbst zu ernähren. Der 106 km von Sambava entfernt gelegene bergige Talkessel von Andapa dient als lokale Reiskammer und ist ein Immigrationsgebiet: 30% der Reisfelder von Andapa werden von Immigranten als Pächter bearbeitet. Dabei müssen sie normalerweise vom Reisertrag einer Hektare 80 daba (960 kg) dem Landbesitzer abgeben, nur 50 daba (600 kg) dürfen sie für ihre Arbeit behalten.

In der ganzen Provinz Antsiranana wird ein Drittel der gesamten Reispflanzfläche von Immigrierten bebaut, der Ertrag wird nach einem vorher - vom Landbesitzer - bestimmtem Schlüssel aufgeteilt. Der Pächter muss dabei alle Arbeiten erledigen. Dieses System ist nicht geeignet, Neuerungen in Anbautechniken oder Landverbesserungen mit Erfolg zu krönen.

Die Provinz an der Nordspitze der Insel ist zum Meer hin gewandt, wie dies im Wappen mit einem mächtigen Dreimastsegler und zwei gekreuzten Schwertern symbolisch dargestellt ist. Eine einzige Strasse (RN 6) verbindet die Provinz und dem Rest Madagaskars, und auch diese Strasse ist in einem lamentablen Zustand, insbesonders auf den - zur Nachbarprovinz Mahajanga gehörenden - 217 Kilometern zwischen Ambanja und Antsohihy. Daher weist Antsiranana im Vergleich mit den anderen fünf Provinzen den geringsten Warenaustausch mit anderen Provinzen auf. Dies wird noch dadurch unterstützt, dass die Provinz Antsiranana stark exportorientiert ist.

Die Strasseninfrastruktur ist auch innerhalb der Provinz sehr schlecht entwickelt: von den 2076 km Strassen sind nur 760 km das ganze Jahr über befahrbar.

So zerfällt die Provinz in mehrere Inselregionen: Diégo-Suarez, Ostküste, Ambilobe, Ambanja. Insbesonders die 23’000 km2 grosse Ostküstenzone um Antalaha, Sambava und Vohémar mit ihren 700’000 Einwohnern führt quasi ein Eigenleben innerhalb der Provinz, denn die Lateritstrasse von Vohémar nach Ambilobe (170 km) - die einzige Verbindung von Ost nach West - ist während der Regenzeit (November bis Mai) so gut wie unpassierbar.

Auch die Gebiete um die Stadt Diégo-Suarez, die Region um Ambilobe und die Region Sambirano (Ambanja und Nosy Be) bilden mehr oder weniger isolierte Enklaven, obwohl sie durch die RN 6 untereinander noch eher einen Handelsaustausch betreiben als mit dem Ostteil der Provinz, der für sie weit weg hinter dem Gebirgsmassiv des Tsaratanana (2876 müM) liegt. So dauert die 500 Kilometer lange Reise von Antalaha zum Provinzhauptort Diégo-Suarez mindestens drei Tage.

Angenommen jemand aus Antalaha möchte einen Cousin in Maroantsetra besuchen. Auf dem Strassenweg per Auto braucht er für die 2300 km via Antananarivo mindestens acht Tage, zu Fuss sind es vier Tage (150 km) Marsch, mit dem Kleinflugzeug keine 50 Minuten, was aber einen vollen Monatslohn eines Lehrers kostet.

Zudem öffnen Strassen nur einen schmalen Korridor: in riesigen Gebieten erreichen die Leute per Fuss oder Ochsenwagen nur nach etlichen Tagen eine Strasse, somit einen Markt, eine höhere Schule oder ein Spital. Daher machen nur 20% der Primarschüler in einer Sekundarschule weiter. Oder aber: wie sollen die Lehrer bezahlt werden, wenn sie in solch abgelegenen Orten unterrichten sollen? Sie sind, wie alle Funktionäre auch, während Tagen unterwegs, um in einem grösseren Ort ihren Lohn abzuholen, somit bleiben während dieser Zeit - im Schnitt eine Woche pro Monat - die Schule oder das Büro geschlossen. Von den 1004 SFF-Schulen (Primarschulen) sind nur 925 effektiv funktionell, die Zahl der Schüler hat von 1989 (44’116) auf 1990 um 4,16% (42’270) abgenommen.

Die Provinzhauptstadt Diégo-Suarez ist mit 70’000 Einwohnern weit grösser als die Küstenstädtchen Antalaha (42’000 Einwohner) und Sambava (28’000 Einwohner). Die Verkehrsknotenpunkte Ambanja (23’000) und Ambilobe (15’000) sind kleine Subzentren, die gewisse zentrale Funktionen für ihre Region wahrnehmen. Im Hafenort Hellville (13’000) hingegen wohnt fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung (32’000) von Nosy Be.

Die Ostküste pflanzt Exportprodukte, während die Westküste vor allem Zuckerrohr anbaut. Entlang der regenreichen Ostküste stehen auch Kaffee (50’000 ha) und 7200 ha Kokosplantagen in Sambava und Antalaha. Im Osten der Provinz Antsiranana werden Vanille (22’400 ha) und Nelken (650 ha) angebaut, während der Westen der Provinz Parfumpflanzen (885 ha) und Kakao (10266 ha in Sambirano) anbaut. In der Ostregion befinden sich grosse Kokosplantagen (7728 ha), im Westen findet sich nicht die Hälfte (2970 ha) davon. Im Westen liegt dafür die Hauptproduktion von Zuckerrohr (10’000 ha), das man im Osten nur gerade um Sambava (2700 ha) antrifft. In beiden Regionen etwa gleichmässig (je rund 25’000 ha) wird Kaffee angebaut, der aber nur 13% der nationalen Produktion abwirft. Flächenmässig stellt Antsiranana bei Kaffee rund einen Viertel, bei Pfeffer fast die Hälfte der nationalen Produktion.

Damit ist die Provinz bezüglich Parfumpflanzen und Kakao der einzige Produzent in Madagaskar. 81% der madagassischen Vanille gedeiht im Osten der Provinz, und dort insbesonders um Antalaha und Sambava. Antalaha wird als Welthauptstadt der Vanille bezeichnet: 2/3 der gesamten Weltproduktion stammt aus Antalaha. Die Vanillestadt Antalaha ist noch immer die Hauptstadt der Ostküste, während Sambava diese Rolle immer mehr übernimmt und Vohémar sich zum Exporthafen entwickelt.

Viehhaltung auf extensiver Basis stellt für die Provinz eine wichtige Aktivität dar: die Hälfte der 550’000 Rinder weiden im Westen, im Osten bildet Vohémar mit 260’000 Rindern auf 220’000 ha ein wichtiges Rindergebiet, das jährlich um die 5000 Rinder exportiert.

Auch die Savanne der Halbinsel Bobaomby nördlich der Bucht von Diégo-Suarez mit dem nördlichsten Punkt Madagaskars, dem Cap d'Ambre, wird zur Viehzucht benutzt. Die Wege dorthin sind ohne Allradfahrzeug nicht befahrbar.

Die Region um Vohémar weist ein grosses landwirtschaftliches Potential auf. Die 150’000 Einwohner zählende Region produziert 4600 Tonnen Kaffee, 14 Tonnen Vanille und 22 Tonnen Raphia. Der rehabilitierte und im Mai 1991 eingeweihte Hafen verschifft pro Jahr um die 10’000 Tonnen, während 14’000 Tonnen pro Jahr per Schiff hergebracht und im Hafen umgeschlagen werden.

Der Schiffsverkehr hat in den 1980er Jahren für die Häfen der Provinz Antsiranana tendenziell eher abgenommen. Die Stadt Diégo-Suarez besitzt nur den viertwichtigsten Hafen Madagaskars und kommt noch hinter Hellville. Doch Vohémar konnte 85% des Schiffsverkehrs der Osthälfte an sich binden (vor allem als Exporthafen für Rinder), liegt aber mit seinem Umschlag von keinen 30’000 Tonnen gegenüber den 270’000 Tonnen der Westseite (Zucker) deutlich abseits.

Der Anbau von Zuckerrohr bildet die dominante Industrieproduktion der Provinz. Das Staatsunternehmen SIRAMA arbeitet vor allem in Ambilobe (4630 ha) und auf Nosy Be (2168 ha). Daneben existieren noch kleinere Plantagen von privaten Pflanzern, dort allerdings ist der Hektarertrag mit 40 Tonnen wesentlich geringer als jener der SIRAMA mit 64,25 Tonnen. Die SIRAMA bietet rund 5000 Jobs, unterhält eine eigene Stadt (SIRAMA; westlich von Ambilobe) und einen eigenen Hafen (Port Saint-Louis) für den Zuckerexport.

Die Abhängigkeit von den traditionellen Exportprodukten und ihren Preisschwankungen ist gross. Neue Kulturen finden nur schwerlich Einlass in die Anbaugewohnheiten der Bevölkerung. Der Anbau der ölhaltigen Kaschunuss beginnt erst: 10’000 ha sind bereits in Ambilobe damit bepflanzt.

Die artisanale Fischerei entlang der 450 km Küste an der Westseite und der die Halbinsel Masoala einschliessenden Küstenlinie an der Ostseite liefert einen wichtigen Zuschuss an Nahrung und eine willkommene Verdienstquelle. Die Fischer der Provinz holen insgesamt 1114 Tonnen pro Jahr aus dem Meer, vor allem Garnelen (600 Tonnen) und Salzwasserkrebse (320 Tonnen), wobei die buchtenreiche Westseite den weitaus grösseren Teil der Fänge liefert. Die traditionellen Fischer werden allerdings von der professionellen Grossfischerei bei weitem überflügelt: das Unternehmen PECHERIES DE NOSSI-BE fing 1989 mit ihren 16 Fangbooten 2431 Tonnen Garnelen, wovon 1600 Tonnen in den Export (Frankreich, Japan, La Réunion) gingen.

20’000 junge Leute kommen in der Provinz jährlich neu auf den Arbeitsmarkt. Und es werden nicht weniger: 55% der Provinzbevölkerung ist unter 18 Jahre alt. In der Provinz jedoch existieren bloss 7500 Arbeitsstellen ausserhalb der Landwirtschaft.

Das einzige namhafte Industrieunternehmen ausserhalb der Agrotransformation ist die SECREN, die 1973 als Staatsbetrieb entstand und die Werften der abziehenden französischen Truppen übernahm. Das damals grösste industrielle Unternehmen Madagaskars wurde der OMNIS unterstellt und geriet ins Trudeln. Die Werkmaschinen wurden seit dieser Zeit kaum erneuert, so arbeitet die SECREN heute mit Maschinen, die noch vor 1960 installiert wurden. Das Unternehmen beschäftigt rund 1200 Personen und ist somit das grösste ’industrielle’ Unternehmen der Stadt Diégo-Suarez. Pro Jahr werden im Schnitt acht Schiffe gebaut und an 80 Schiffen Reparaturen ausgeführt. Einen Zuwachs an Kundschaft brachte die 1991 eröffnete Thonfabrik von Diégo-Suarez, deren anliefernde Schiffe von der SECREN gewartet werden.

Weitere Industrieunternehmen sind spärlich. Die SCIM betreibt eine Ölverarbeitungsanlage und eine Seifenfabrik in Sambava, deren Ursprünge auf 1928 zurückreichen: Haushaltsseife wird hergestellt (1989: 782 t), Sojaöl raffiniert (1989: 412 t) und Copraöl gepresst (1989: 318 t). Das Unternehmen begann zu Beginn der 1990er Jahre mit dem Anpflanzen von Sonnenblumen, um kostengünstigeren Zugang zu Rohstoffen zu haben.

Das Unternehmen CONSALMAD in Diégo-Anamakia produziert 50’000 Tonnen Meeressalz (1989), wovon ein Viertel exportiert wird. Rund 200 Angestellte sind beschäftigt. Eine Ausdehnung der bislang benutzten 300 ha auf 1000 ha wäre zwar möglich, ist allerdings abhängig von einer tragfähigeren Brücke im Ort Anamakia, westlich der Stadt Diégo-Suarez. Bislang muss das produzierte Salz per Schiff abtransportiert werden.

Die Brauerei STAR stellt in Diégo-Suarez mit 114 Angestellten 35’000 hl Bier und 36’000 hl Sprudelwasser her. Weitere kleinere Unternehmen sind eine Distillerie in Ambilobe und ein Unternehmen der Lederverarbeitung (HODIMA: Gerberei und Schuhfabrik) in Diégo-Suarez. Die Taillerie Industrielle d'Antalaha (TIA) bearbeitete und exportierte 1989 rund 131 Tonnen Quarz, die Produktion und die Verarbeitung der TIA unterliegen aber grossen Schwankungen.

Als hoffnungsvolles Projekt wurde der Verarbeitungsbetrieb 'PECHE ET FROID' im Hafenareal von Diégo-Suarez angepriesen: Zielvorgabe ist die Verarbeitung von 15’000 Tonnen Thon zu Konserven für den Export. 400 Arbeitsplätze bringt dieses 1991 eröffnete Unternehmen und eine stinkende Wolke über Diégo-Suarez.

Die Universitätsstadt Diégo-Suarez hat nur regionale Ausstrahlung. Drei Staatsfirmen (ROSO, SICE, SOMACODIS) monopolisieren den Aussenhandel. Der Binnenhandel wird von wenigen Unternehmen beherrscht, die sich zumeist in indischen Händen befinden: sie dominieren den Grosshandel und beliefern Zwischenhändler im Hinterland.

Als Touristenzentrum mit Hotelanlagen von internationalem Standard hat sich die Insel Nosy Be entwickelt. Die für madagassische Verhältnisse als Massentoruismus einzustufende Aktivität hat der Insel allerding ebenso viele Nachteile gebracht: Drogenhandel, Prostitution und Verteuerung der Lebenshaltungskosten. Weit weniger Besucher durchwandern das eindrucksvolle Naturreservat und Schutzgebiet um den Montagne d'Ambre. Das Schutzgebite Masoala higegen wird von Naturfreunden gern durchwandert, das Trekking zwischen Antalaha und Maroantsetra dauert vier bis sechs Tage. Die Infrastruktur ist allerdings noch sehr rudimentär.

Das grosse Problem der Nordostküste sind die Zyklone, die regelmässig der Küste entlangfegen und alle paar Jahre sehr viele Zerstörungen anrichten.