Alles nur Blech: 400 Leute leben von Altmetall

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Die farbig bemalten Blechobjekte sind zum Symbol Madagaskars geworden. Sie spiegeln Frische und Einfachheit wider, sind künstlerisch einfallsreich und eine Zierde für Haus und Wohnung. Die Geschichte dahinter ist ebenso bunt.

Dieudonné Razafinzatovo wuchs als Sohn eines Blechschmids auf, wurde Sportlehrer an der Universität und ein landesweit bekannter Athlet. Doch davon zu leben war schwierig. So besuchte er 1996 einen Kurs in Design und Kreation und begab sich auf die Spuren seines Vaters. Nur stellte er fortan nicht Dachkännel und Abflussrohre her, sondern Kunstartikel. Bunt bemalte Objekte aus Blech, Zink und Eisen.

Er liess sich auf einem versandeten Reisfeld in seinem Heimatdorf Ankazobe-Alasora gleich vor den Toren der Hauptstadt nieder. Inzwischen ist daraus ein Betrieb von 400 Mitarbeitenden geworden. Da wird gehämmert und geklopft, geschweisst und genietet. Den ganzen Tag lang und dies acht Stunden. Manchmal auch samstags und dann mit doppeltem Gehalt. Die Produkte gehen zu 30 Prozent auf den Lokalmarkt. Der Grossteil jedoch wird exportiert: In Frankreich, Japan, La Réunion und sogar in Tanzania erfreuen sich Leute über die bizzarren bunten Objekte.

Dies alles ist die Geschichte eines knapp 50-Jährigen Unternehmers, der seine Nische gefunden hat. Es steckt aber weit mehr dahinter. Denn Dieudonné beschäftigt ungebildete Arbeiter und vor allem Arbeiterinnen: 60% seiner Belegschaft sind Frauen. Sie dürfen ihre Kinder und Babies mit sich zur Arbeit nehmen. So schlafen und krabbeln auf dem Gelände nicht weniger als 50 Babies. Für die Kinder hat Dieudonné sogar eine Schule gebaut und Lehrpersonal eingestellt, zur Zeit gehen 190 Kinder in seine Schule. Kostenlos. Als ehemaliger Sportlehrer fördert er natürlich auch den Sport. Mit 109 Kindern trainiert er Fussball und eines seiner Teams wurde sogar Regionalmeister. Einer seiner Mitarbeiter hat ausschliesslich die Aufgabe, auf dem Hof den Kindern Grundbegriffe der Hygiene beizubringen, Hände waschen zum Beispiel. Aber mehr noch. Dieudonné beschäftigt auch 15 Taubstumme und 6 Behinderte. Zwei Taubstumme sind sogar zu einem Paar geworden: ihr Baby schäft wohlig im Schatten eines Zeltverschlags.

Warum dieses Sozialengagement? ’Es ist nicht religiös begründet’, sagt er. ’Sondern es ist eine generelle soziale Motivation, eine innere Vibration’, sagt er dazu. Er hatte einfach das Gefühl, etwas für die vernachlässigten Menschen tun zu wollen. Seine Frau, einst Champion im 800 m Lauf, teilt sein Engagement. Zusammen haben sie vier Kinder im Alter von 2 bis 15 Jahren, sie heissen ’Glaube’, ’Liebe’, ’Hoffnung’ und der jüngste heisst ’Segen’.

Ihre Arbeit jedoch haben sie sich aufgeteilt: Dieudonné ist verantwortlich für die Kreationen, die Infrastruktur und die Ausbildung. Seine Frau macht die Buchhaltung und den Verkauf und ist daher auch oft in Europa unterwegs. Das Gelände umfasst inzwischen mehrere Gebäude. Die einzigen fast fertigen Gebäude sind die beiden zweistöckigen Schulen aus Backsteinen und das Haus, in dem qualifizierte Freiwillige wohnen. Die Produktionsräume sind blosse Hütten, die bloss Schutz gegen Sonne und Regen geben. Das Wohnhaus von Dieudonné fällt in Architektur und Aussehen auf, fertig ist es bei Weitem noch nicht.

Inzwischen regen die Arbeiter bereits Verbesserungen und Neuheiten an. Er möchte gern von der jetzigen Massenproduktion weg und hin zu kreativen Objekten für anspruchsvolle Dekorationen. Das Rohmaterial ist simpel: alte Ölfässer, Autowracks, verrostete Eisenteile. Recycling, so wie Vieles in Madagaskar, einem der ärmsten Länder der Welt. Und so klopfen die Leute diese Teile zu erfreulichen und manchmal witzigen Objekten.

Einige kommen jeden Tag von weither, um hier zu arbeiten. Mittags können die Leute im Betrieb essen. Gekocht wird den ganzen Vormittag, auch für die Kinder, die um zehn Uhr eine Zwischenmalzeit einnehmen. Drei Tonnen Reis verbraucht der Betrieb pro Woche. Um die Nahrung zu verbessern, hat er eine Pflanzschule mit der Baumsorte Morenga errichtet und wird die Schösslinge demnächst pflanzen. ’Morenga ist ein magischer Baum, seine Blätter enthalten sehr viele Nährstoffe’, schwärmt er.

Dieudonné ist erfolgreich, doch er ist bescheiden geblieben. Im löchrigen T-Shirt und barfuss geht er durch den Betrieb, niemand würde erraten, dass dies der Patron von 400 Angestellten ist. Er redet mit allen, macht Scherze, man sieht, dass er beliebt ist. Er bezahlt auch mehr als das vorgeschriebene Mindestgehalt, das bei keinen 50 sFr pro Monat liegt.

Seine Produkte hängen in Boutiken und Touristenshops im ganzen Land – und werden auch gern von anderen kopiert. ’Manchmal gehen Leute weg und beginnen auf eigene Rechnung’. Er nimmt dies nicht als neue Konkurrenz, sondern es freut ihn, dass er Leuten auf den Weg geholfen hat. ’Nun sind wir an der Grenze der Personalmöglichkeiten. Viel mehr Leute können wir nicht mehr einstellen’, bedauert er. Doch immerhin hat er 400 Menschen eine Zukunft gegeben. Viele sind Obdachlose aus der Stadt oder alleinerziehende Mütter. Die Mehrheit ist Analphabeten.

Seine Fabrik besteht aus ein paar dürftigen Hütten. Die Leute sitzen am Boden und hämmern. Die meisten sind barfuss. Niemand beklagt sich. ’Die Arbeitsverhältnisse schockieren manchmal die Besucher’, meint er, ’doch die Leute sind es gewohnt, so zu arbeiten’. Kinder spielen gleich neben dem Amboss oder Babies schlafen in Kartons neben der arbeitenden Mutter. Hier gibt es keine Stechuhr und keine computerisierte Lohnabrechnung. Aber es ist ein kleines Dorf entstanden, beim Kilometerstein PK2 an der RN58b. Eine kleine Gemeinschaft, die ihr Auskommen findet dank der Initiative des Sohns eines Blecharbeiters.